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Das Phantom „Kapitalismus": Ein Begriff für alles – und Bedeutung für nichts

Marktwirtschaft, Ausbeutung, Disziplin, Kapitalakkumulation: Jeder meint mit „Kapitalismus" etwas anderes. Eine Begriffsklärung von der Marktperspektive über Marx bis zu James Watt – und warum die meisten Unternehmen gar nicht kapitalistisch sind.

Das Phantom „Kapitalismus": Ein Begriff für alles – und Bedeutung für nichts
Industrielle Logik im Nebel: Wer „Kapitalismus" sagt, meint oft etwas ganz anderes.

Der Begriff „Kapitalismus" ist einer der am intensivsten diskutierten Begriffe der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Je nachdem, welche Brille man aufsetzt – die des Ökonomen, des Soziologen oder des Historikers – verändert sich die Definition grundlegend.

Häufig wird der Begriff Kapitalismus aber in der Gegenwart für etwas anderes verwendet: die Ausbeutung von abhängig Beschäftigten. Abhängige Beschäftigte sind von ihrem Arbeitgeber abhängig und damit die neue Form von Leibeigenen.

Es gibt jetzt Berufsgruppen, die auf wenig investiertes Kapital in der Arbeit angewiesen sind und deren Arbeitskraft einfach durch eine andere Arbeitskraft zu ersetzen ist. In der Folge ist die relative Wertschöpfung niedrig. In diesen Berufen nimmt die Ausbeutung von Arbeitnehmern oft unethische Formen an. Ein gutes Beispiel sind Arbeitnehmer in der Pflege oder in einfachen Logistiktätigkeiten. Die Mitarbeiter werden schlecht bezahlt und in der Regel schlecht behandelt. Das ist im Verständnis der oberflächlichen Betrachtung oft dasselbe wie Ausbeutung.

Dem gegenüber stehen Arbeitnehmer, deren Arbeit auf viel investiertes Kapital angewiesen ist und deren Arbeitskraft nicht so einfach zu ersetzen ist. Diese Arbeitnehmer werden oft zu Lasten der anderen Gruppe besser bezahlt und besser behandelt. Diese Zweiteilung der Arbeitnehmer wird oft als Kapitalismus bezeichnet. Die Schuldigen an der Schlechtbehandlung und Schlechtbezahlung sind dann die Kapitalisten. Wer das so genau ist, wird in der Regel nicht mehr gefragt. Wenn doch: Dann sind es eben die Reichen, wer auch immer das ist.

Wer bei VW wirklich das Sagen hat

Bei VW, einem Unternehmen, das für diese Spaltung der Arbeitnehmer in zwei Gruppen besonders bekannt ist, sind die „Kapitalisten", das heißt diejenigen, die nach Marx die Macht über das Unternehmen im Sommer 2026 haben:

  • Porsche Automobil Holding SE (53,3 % der Stimmrechte): Die Holdinggesellschaft wird von den Nachkommen des Autobauers Ferdinand Porsche kontrolliert. Sie besitzt die absolute Mehrheit bei den Aktionärsentscheidungen.
  • Land Niedersachsen (20,0 % der Stimmrechte): Das Bundesland hält als Heimatregion von VW eine wichtige Position. Durch das sogenannte VW-Gesetz reichen 20 % der Stimmrechte aus, um wichtige Beschlüsse (für die eine 80-%-Mehrheit nötig ist) zu blockieren (Sperrminorität).
  • Qatar Holding LLC (17,0 % der Stimmrechte): Der Staatsfonds des Emirats Katar ist der drittgrößte Ankerinvestor.
  • Streubesitz (9,7 % der Stimmrechte): Die restlichen stimmberechtigten Aktien verteilen sich auf sonstige institutionelle und private Anleger.

Aber was ist Kapitalismus nun wirklich?

Damit wir richtig handeln können, benötigen wir Klarheit. Damit wir Klarheit bekommen, müssen wir wissen, worum es wirklich genau geht. Hier sind einige Formen des Begriffsverständnisses neben der Spaltung der Arbeitnehmer für den Begriff des Kapitalismus.

Die Marktperspektive: Freiheit und Demokratie

In der klassischen und neoklassischen Nationalökonomie wird Kapitalismus primär als ein effizientes Koordinationssystem gesehen.

  • Kernmerkmale: Privateigentum an Produktionsmitteln, Steuerung über den Preismechanismus (Angebot und Nachfrage) und Wettbewerb.
  • Fokus: Dezentrale Entscheidungsfindung. Der Markt gilt als das beste Instrument, um knappe Ressourcen zu verteilen.
  • Vertreter: Adam Smith, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Milton Friedman.

Das Problem: Es geht um die Marktwirtschaft und nicht um die Frage von Kapital. Hier wird der Begriff Kapitalismus genau so verwendet wie der Begriff Marktwirtschaft. Das macht offensichtlich keinen Sinn. Adam Smith kannte zwar den Begriff Kapital, aber den Begriff Kapitalismus gar nicht. Friedrich August von Hayek verwendete die Begriffe „Spontane Ordnung", „Marktordnung" oder „System der freien Konkurrenz".

Für Ludwig von Mises (Österreichische Schule) war Kapitalismus schlicht die Marktwirtschaft auf der Basis des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Er verstand den Kapitalismus nicht als ein System für Reiche, sondern als ein System für die Massen mit einer Konsumentensouveränität („Demokratie des Marktes"), Massenproduktion für den Massenkonsum und der Wirtschaftlichkeitsrechnung: Mises bewies (in seinem berühmten Aufsatz von 1920), dass ohne Privateigentum und frei gebildete Preise keine rationalen Wirtschaftsentscheidungen möglich sind. Deshalb sah er im Sozialismus eine Unmöglichkeit und im Kapitalismus die einzig funktionierende Ordnung.

Der Kapitalismus ist nicht eine Anordnung zur Bereicherung der Reichen, sondern die Methode, durch die die Armut der Massen beseitigt wird.
Ludwig von MisesÖkonom der Österreichischen Schule

Milton Friedman (Chicagoer Schule / Neoliberalismus) benutzte den Begriff extrem selbstbewusst – am bekanntesten in seinem Werk Capitalism and Freedom (1962). Für ihn war der Wettbewerbskapitalismus (competitive capitalism) das fundamentale Gegenstück zu staatlicher Zwangsgewalt mit freiwilliger Kooperation, Kopplung von wirtschaftlicher und politischer Freiheit und dem Staat als Schiedsrichter.

In dieser Welt der Marktperspektive hat Kapitalismus also nichts mit Kapital zu tun. Es geht um Freiheit und Demokratie.

Die Herrschaftsperspektive: Das marxistische Verständnis

Karl Marx definierte den Kapitalismus nicht über den Tausch am Markt, sondern über die Produktionsverhältnisse.

  • Kernmerkmale: Trennung von Kapital (Besitzer der Fabriken/Maschinen) und Arbeit (Proletariat). Das System Kapital als Macht über die Produktionsmittel basiert laut Marx auf der Ausbeutung der Arbeitskraft zur Erzeugung von Mehrwert. Die Kapitalverzinsung wird als unrechtmäßige Aneignung von Mehrwert betrachtet.
  • Fokus: Akkumulationszwang. Kapital muss ständig reinvestiert werden, um noch mehr Kapital zu erzeugen.
  • Vertreter: Karl Marx, Friedrich Engels.

Hierher kommt der Glaube des exponentiellen Wachstums des Kapitalismus, den wir immer wieder auch von den Eliten aus dem Silicon Valley hören. Das Kapital – so die These – muss mit Zinseszinseffekt verzinst werden, was den Zwang zur Akkumulation von Kapital und exponentielles Wachstum erfordert. Da dies nicht lange möglich sein wird, muss der Kapitalismus nach Marx scheitern.

Was versteht jetzt Marx unter Kapital? Das Interessante ist: Im Kapital wird kaum über Kapital, aber viel über Vermögenswerte geschrieben. Die Trennung zwischen Aktiva und Passiva war damals schon bekannt. Aber Marx hat sich mikroökonomisch mit der Akkumulation von Aktiva, das heißt von Vermögenswerten, beschäftigt. Das wurde damals noch nicht wirklich konsequent getrennt. Nach unserem heutigen Verständnis steht Kapital aber in der Bilanz rechts, und das sind die Passiva. Marx beschreibt, wie aus der Mehrwertschöpfung der Vermögenswerte Mehrwert entsteht (Aktivseite). Das Ergebnis ist ungerechtfertigt angeeigneter Profit. Das deutsche Wort dafür ist Gewinn, und der steht hochanständig rechts als Eigenkapital in der Bilanz.

Kapitalismus ist, wenn man Marx wohlwollend interpretiert und die begrifflichen Unterschiede akzeptiert, also die Dominanz der fristgerechten Finanzierung von Produktivvermögen über die anderen Formen von Produktivvermögen, die nicht finanziert werden müssen.

Wenn man also die Überlegungen von Marx nicht als substanziell zerreißt, bleibt die Dominanz der fristigen Finanzierung übrig. Dann stellt sich aber sofort die Frage: Was ist dann mit Wissensunternehmen? Hier dominiert das Knowhow als Produktionsmittel. Unternehmen wie Google, Meta oder OpenAI werden nicht durch das Kapital (rechte Seite), sondern durch immaterielle Vermögenswerte (linke Seite) getragen.

In dieser Welt von Marx gibt es also kapitalistische Unternehmen. Das sind in der Regel die „volkseigenen Unternehmen" wie Deutsche Bahn, die Energieversorger oder große Automobilkonzerne, die nur noch aufgrund der industriellen Logik und nicht aufgrund von Knowhow getrieben werden. Die Zukunftsindustrien sind in der Regel keine kapitalistischen Unternehmen nach Marx.

James Watt: Knowhow schlägt Kapital

Modell einer historischen Dampfmaschine neben einem Laptop – Knowhow als treibender Faktor, damals wie heute

Das war aber vor Marx schon so. James Watt gilt in der westlichen Welt oft als Erfinder der Dampfmaschine. Warum? Dampfmaschinen gab es schon davor. Diese wurden jedoch immer unprofitabler bis dahin, dass Kohleminen hätten schließen müssen, wenn bei der Effizienz der Dampfmaschine nichts passiert wäre.

Der Schotte James Watt erkannte das und verbesserte den Wirkungsgrad der Dampfmaschine von ca. 0,5 % auf sagenhafte 3 %. Das Ergebnis: Die Maschinen waren extrem viel effizienter. Dominanz des Knowhows über die Finanzierung. Schon damals gab es beliebig viel Kapital für Knowhow. Der dominante Faktor war nicht das Kapital, sondern das Knowhow, das die Welt veränderte.

Watt konnte jetzt den Unternehmern eine Dampfmaschine mit folgendem Deal anbieten: Du zahlst mir die Hälfte der Einsparung und bekommst von mir die Dampfmaschine zum Sparen. In dem Deal gibt es gar kein Kapital (rechte Seite der Bilanz), sondern nur Vermögenswerte (linke Seite der Bilanz). Die Vermögenswerte werden darüber auch noch Knowhow-getrieben. Das war der iPhone-Moment bei den herkömmlichen Dampfmaschinenherstellern, der möglich wurde, weil Matthew Boulton massiv in das Startup von James Watt investierte. Diese Symbiose revolutionierte den Markt.

Der „Geist des Kapitalismus": Das soziokulturelle Verständnis

Hier wird Kapitalismus als eine bestimmte Lebensform oder Gesinnung verstanden, die weit über das Wirtschaften hinausgeht.

  • Kernmerkmale: Rationalität, Disziplin und die rastlose Suche nach Gewinn als moralische Pflicht (oder zwanghafter Lebensstil).
  • Fokus: Warum entstand der Kapitalismus gerade im Westen? Max Weber sah die Wurzeln in der protestantischen Ethik.
  • Vertreter: Max Weber, Werner Sombart.

Hier geht es nicht um Kapital, sondern um Verhalten. Rationalität ist eine Betrachtung, die der Humanismus zurückbrachte. Basierend auf dem Glauben, dass Naturgesetze auch für die Gesellschaft existieren müssten, ergab sich der induktive Schluss, dass es ein Verhalten gäbe, das als Kapitalismus bezeichnet wurde. Kapital spielt an dieser Stelle auch keine Rolle.

Dem Geist des Kapitalismus wird oft auch der eingangs beschriebene Sachverhalt angeheftet, dass Arbeit, die einfach zu ersetzen ist, wenig Wertschöpfung liefert und geringen Aufwand an Vermögenswerten enthält, typisch kapitalistisch sei. Der Geist des Kapitalismus wäre nach dieser Logik im russischen Straflager (Gulag) am ausgeprägtesten.

Das institutionelle Verständnis

In der modernen Politikwissenschaft wird betont, dass es „den" Kapitalismus gar nicht gibt, sondern verschiedene nationale Ausprägungen.

FormFokusBeispiele
Liberaler KapitalismusKurze Zeithorizonte, radikale Innovation, flexibler Arbeitsmarkt.USA, Großbritannien
Koordinierter KapitalismusLangfristige Strategien, Konsens zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.Deutschland (Soziale Marktwirtschaft), Japan

Das Problem, was ich hier sehe: In den Politikwissenschaften geht es nicht um Kapital, sondern um den „Geist des Kapitalismus", der ja offensichtlich nichts mit Kapital zu tun hat.

Fazit

Wenn ich die Sachlage beurteilen soll, bleiben mir folgende Schlüsse:

  • Durch ungenaue Formulierungen wird mit dem Begriff Kapitalismus eben gemeint, was der Sprecher gerade meinen will. Der eine meint Marktwirtschaft, der andere meint Kapitalakkumulation, der nächste meint Disziplin und ein anderer meint etwas anderes. Der Begriff Kapitalismus ist damit eine vollkommen inhaltsleere Phrase ohne irgendeine Bedeutung, aber mit einem hohen Emotionspotential.
  • Das Wirken der freien Kräfte des Marktes sollten wir als Marktwirtschaft bezeichnen. Die regulatorischen Eingriffe in den Markt sollten wir auch als Marktregeln bezeichnen.
  • Freiheit und das Recht des Individuums zur freien Entfaltung sollten wir auch als Freiheit bezeichnen.
  • Demokratie sollten wir auch als Demokratie bezeichnen.
  • Arbeitsintensive Unternehmen mit niedriger Wertschöpfung sollten wir auch genau so bezeichnen.
  • Von allen angebotenen Definitionen für Kapitalismus erscheint mir die von Marx angebotene Definition von der Dominanz des Kapitals über die Produktionsmittel (= fristige Finanzierung von Produktionsmitteln) die sinnvollste zu sein. Allerdings folgt daraus auch direkt: Die meisten Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft sind keine kapitalistischen Unternehmen.

FAQ

Häufige Fragen

Glossar

Kapitalismus (Marxistische Perspektive)
Ein Wirtschaftssystem, das durch die Trennung von Kapitaleigentümern und Lohnarbeitern gekennzeichnet ist. Laut Marx basiert es auf der Ausbeutung der Arbeitskraft zur Erzeugung von Mehrwert und zwingt zur ständigen Akkumulation von Kapital.
Kapitalismus (Marktperspektive)
Wird in der klassischen und neoklassischen Ökonomie als Synonym für Marktwirtschaft verstanden, basierend auf Privateigentum, Preissteuerung durch Angebot und Nachfrage sowie Wettbewerb. Der Fokus liegt auf dezentraler Koordination und individueller Freiheit.
Geist des Kapitalismus (Soziokulturelles Verständnis)
Beschreibt eine spezifische Lebensform oder Gesinnung, die durch Rationalität, Disziplin und das Streben nach Gewinn als moralische Pflicht geprägt ist. Max Weber sah die Wurzeln dafür in der protestantischen Ethik.
Mehrwert
In der marxistischen Theorie der Wert, den die Arbeitskraft eines Arbeiters über den zur eigenen Reproduktion notwendigen Lohn hinaus schafft. Dieser Mehrwert wird vom Kapitaleigentümer als Profit unrechtmäßig angeeignet.
Liberaler Kapitalismus
Eine nationale Ausprägung des Kapitalismus, die durch radikale Innovationen, flexible Arbeitsmärkte und kurze Planungs- und Investitionshorizonte gekennzeichnet ist. Als Beispiele gelten die USA und Großbritannien.
Koordinierter Kapitalismus
Eine nationale Ausprägung des Kapitalismus, bei der langfristige Strategien und der Konsens zwischen organisierten Interessengruppen (z.B. Arbeitgebern und Gewerkschaften) im Vordergrund stehen. Als Beispiele gelten Deutschland und Japan.

Weiterführendes

Zusammengestellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft.

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  • Welche Rolle spielte das Knowhow von James Watt bei der Weiterentwicklung der Dampfmaschine?

    Mich interessiert, warum Knowhow wichtiger als Kapital für den unternehmerischen Erfolg sein kann.

  • Wie genau setzt sich die Eigentümerstruktur bei Volkswagen zusammen?

    Ich möchte nachvollziehen, wer bei VW die faktische Kontrolle ausübt und warum das Land Niedersachsen eine so starke Stellung hat.

  • Was ist mit dem „Geist des Kapitalismus“ nach Max Weber gemeint?

    Ich will verstehen, welche soziokulturellen Verhaltensweisen und Werte mit dem Kapitalismus verbunden werden.

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