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AVGS-Kernmodul

Tragfähigkeit – die fachkundige Stellungnahme verstehen

§§ 93/94 SGB III, interne Weisungen der BA, abweichende Maßstäbe der Bank und das Spannungsfeld zwischen Tragfähigkeit und Förderbedürftigkeit.

Bearbeitungsstand: Juni 2026

Wozu Klärungsbogen und Leseliste?

Beides ist Ihr privater Arbeitsbereich unter „Meins" – eine persönliche Aufgaben- und Merkliste, mit der Sie beim Lesen einen roten Faden behalten. Wir als Unternehmensberatung greifen darauf nicht zu.

Die Leseliste sammelt Beiträge, Module und Folgen, die Sie später lesen oder hören wollen. Der Klärungsbogen sammelt offene Fragen, die Ihnen beim Lesen einfallen – mit Quelle und Sprungmarke. Wenn Sie irgendwann ein Gespräch mit uns führen möchten, bringen Sie den Klärungsbogen als Ihre Agenda mit. Solange Sie das nicht tun, bleibt er bei Ihnen.

Wie „Meins" funktioniert

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Bearbeitungsstand: Juni 2026

Lederportfolio, leere Blätter, Füller und Brille auf einem Holzschreibtisch im warmen Seitenlicht
Vor dem Schreiben des Businessplans steht die Vorbereitung: leere Seiten, ein Stift – und die Frage, für welche Stelle der Plan eigentlich tragfähig sein muss. Bild: KI-generiert.

Die Beantragung des Gründungszuschusses bei der Agentur für Arbeit (ALG I) ist an eine strikte formale Hürde geknüpft: die fachkundige Stellungnahme (oft auch Tragfähigkeitsbescheinigung genannt). Da die Vermittlungsfachkräfte der Arbeitsagentur die ökonomischen Erfolgschancen einer Geschäftsidee in der Regel nicht selbst validieren können, wird diese Aufgabe an eine „fachkundige Stelle" (z. B. IHK, Handwerkskammer, Steuerberater oder spezialisierte Gründungsberatungen) ausgelagert.

Im Folgenden finden Sie eine detaillierte Aufbereitung der Anforderungen aus den verschiedenen Perspektiven sowie eine Analyse des berüchtigten strategischen Spannungsfelds bei der Antragstellung.

1. Die gesetzliche Perspektive: Anforderungen nach dem SGB III

Die gesetzliche Grundlage für den Gründungszuschuss bilden die §§ 93 und 94 SGB III. Aus Sicht des Gesetzgebers ist das primäre Ziel des Zuschusses, die Arbeitslosigkeit durch die Aufnahme einer nachhaltigen selbstständigen Tätigkeit dauerhaft zu beenden.

Für die fachkundige Stellungnahme gibt das Gesetz klare Mindeststrukturen vor. Der Antragsteller muss der fachkundigen Stelle folgende Unterlagen vorlegen, die im Gutachten bewertet werden:

  • Beschreibung des Existenzgründungsvorhabens (Businessplan): Darstellung der Geschäftsidee, der Zielgruppe, des Marktes und der Wettbewerbssituation.
  • Lebenslauf und Befähigungsnachweise: Nachweise über die persönliche und fachliche Eignung (Zeugnisse, Zertifikate, Berufserfahrung).
  • Kapitalbedarfs- und Finanzierungsplan: Wie viel Geld wird für den Start benötigt und woher kommt es?
  • Umsatz- und Rentabilitätsvorschau: Eine fundierte dreijährige Vorschau auf die erwarteten Einnahmen und Ausgaben.

Der gesetzliche Kern: Die fachkundige Stelle muss auf Basis dieser Unterlagen explizit bescheinigen, dass das Vorhaben tragfähig ist. Das bedeutet rein rechtlich: Es muss begründete Aussicht darauf bestehen, dass das Unternehmen langfristig so viel abwirft, dass der Gründer nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen ist.

2. Die Perspektive der internen Weisungen der Agentur für Arbeit

Während das Gesetz den Rahmen vorgibt, regeln die Fachlichen Weisungen (FW) der Bundesagentur für Arbeit das konkrete Handeln der Sachbearbeiter. Da der Gründungszuschuss eine Ermessensleistung ist (es besteht kein Rechtsanspruch), prüfen die Sachbearbeiter die fachkundige Stellungnahme anhand interner Compliance-Kriterien sehr genau:

  • Fokus auf die Vollexistenz (Hauptberuflichkeit). Die internen Weisungen schreiben vor, dass die selbstständige Tätigkeit mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassen muss. Die Stellungnahme muss plausibel darlegen, dass das Geschäftsmodell diesen zeitlichen und wirtschaftlichen Rahmen von Beginn an ausfüllt.
  • Sicherung des Lebensunterhalts inklusive Sozialversicherung. Die Arbeitsagentur fordert, dass nach dem Ende der Förderung (Phase 1: 6 Monate, Phase 2: 9 Monate) der Lebensunterhalt vollständig aus eigener Kraft bestritten werden kann. Die fachkundige Stelle muss im Formular bestätigen, dass die Gewinne ausreichen, um auch die privaten Lebenshaltungskosten sowie die oft unterschätzten Kosten für Kranken-, Pflege- und Altersvorsorge zu decken.
  • Prüfung von Qualifikationsmängeln. Die internen Richtlinien halten die Sachbearbeiter dazu an, bei Zweifeln an den kaufmännischen oder fachlichen Fähigkeiten des Gründers (selbst bei positiver Stellungnahme) Gründungsseminare oder Kurse anzuordnen. Die Stellungnahme sollte daher die Eignung des Gründers explizit unterstreichen.

3. Die Perspektive einer Bank vs. Agentur für Arbeit

Wird für die Gründung zusätzlich ein Bankkredit (z. B. ein KfW-Startgeld) benötigt, prallen zwei unterschiedliche Welten der „Tragfähigkeit" aufeinander. Eine Bank legt völlig andere Maßstäbe an als die Agentur für Arbeit:

KriteriumSichtweise der Agentur für ArbeitSichtweise der Bank (Finanzierung)
HauptfokusBeendigung der Arbeitslosigkeit und Sicherung des LebensunterhaltsRisikominimierung, Kapitalerhalt und Kapitaldienstfähigkeit (Zins und Tilgung)
PlanungstiefeUmsatz- und Rentabilitätsvorschau (oft jahresbasierend ausreichend)Extrem detaillierter, meist monatlicher Liquiditätsplan für mindestens 24 Monate
FinanzierungsstrukturPlausibilität, dass das Vorhaben nicht sofort untergehtHarte Prüfung der Eigenkapitalquote (meist 15–20 % gefordert) und vorhandener Sicherheiten
SzenarienEin realistisches Basisszenario genügt meistEinfordern von Best-Case- und vor allem Worst-Case-Szenarien (Stresstests)
BonitätsprüfungNebensache, solange keine akute Privatinsolvenz die Gründung rechtlich blockiertStrikte Prüfung der SCHUFA-Auskunft und der historischen finanziellen Zuverlässigkeit

Eine fachkundige Stellungnahme, die für die Arbeitsagentur perfekt ausreicht, führt bei einer Bank oft zur sofortigen Ablehnung, wenn sie nicht die mathematische Härte und die Absicherung des Kreditrisikos abbildet.

4. Das Spannungsfeld zwischen Tragfähigkeit und Förderbedürftigkeit

Gründer bewegen sich bei der Erstellung des Businessplans für die Arbeitsagentur auf einem schmalen strategischen Grat. Es gilt, einen klassischen Widerspruch aufzulösen:

  1. 1

    Zu optimistisch

  2. 2

    Hohe Tragfähigkeit

  3. 3

    Aber: keine Förderbedürftigkeit

  4. 4

    Folge: Abweisung durch den Berater

  1. 1

    Zu pessimistisch

  2. 2

    Hohe Förderbedürftigkeit

  3. 3

    Aber: keine Tragfähigkeit

  4. 4

    Folge: keine fachkundige Stellungnahme

Das Dilemma im Detail.

  1. Die Tragfähigkeit verlangt Erfolg. Die fachkundige Stelle muss sehen, dass das Unternehmen floriert und Gewinne erwirtschaftet. Ist die Umsatzprognose zu niedrig, verweigert die Kammer oder der Steuerberater die Unterschrift, da das Vorhaben als „Liebhaberei" oder dauerhaft defizitär eingestuft wird.
  2. Die Förderbedürftigkeit verlangt Notwendigkeit. Da der Gründungszuschuss eine Ermessensleistung ist, prüft die Vermittlungsfachkraft, ob Sie den Zuschuss überhaupt brauchen. Zeigt Ihr Businessplan bereits ab dem ersten Monat fünfstellige Gewinne, wird der Sachbearbeiter argumentieren: „Ihr Unternehmen trägt sich von Tag 1 an selbst. Ein Förderbedarf liegt nicht vor. Zudem greift der Vermittlungsvorrang – ich könnte Sie auch in ein Angestelltenverhältnis vermitteln."

Die Lösung für die Praxis.

Der Businessplan muss eine realistische, fundierte Anlaufphase abbilden. In den ersten 3 bis 6 Monaten müssen die Umsätze hoch genug sein, um die betrieblichen Kosten zu decken (Nachweis der wirtschaftlichen Substanz für die fachkundige Stelle). Gleichzeitig sollten sie aber noch nicht ausreichen, um den vollen privaten Lebensunterhalt und die Sozialversicherungen zu finanzieren. Genau hier entsteht die Lücke, die den Gründungszuschuss in Phase 1 rechtfertigt: Er dient als Brücke, um die private Existenz zu sichern, während das Unternehmen hochfährt. Ab dem 6. oder 7. Monat muss die Kurve dann deutlich nach oben zeigen, um die langfristige Tragfähigkeit zu belegen.

Vor der Gründung wird geplant. Nach der Gründung trifft einen die Realität.

Peter SaubertGründungsberater

Fazit

Die fachkundige Stellungnahme ist mehr als ein Formular: Sie ist die wirtschaftliche Zweitmeinung, ohne die kein Gründungszuschuss fließt. Wer den Spagat zwischen Tragfähigkeit und Förderbedürftigkeit beherrscht, die internen Weisungen der BA mitdenkt und die abweichenden Bankmaßstäbe kennt, hat in der Regel eine glatte Bewilligung – und ein deutlich belastbareres Geschäftsmodell.

FAQ

Häufige Fragen

Glossar

Gründungszuschuss
Eine finanzielle Förderung der Agentur für Arbeit, die Empfänger von Arbeitslosengeld I beim Übergang in eine hauptberufliche Selbstständigkeit unterstützt. Sie dient der Sicherung des Lebensunterhalts in der anspruchsvollen Startphase.
Ermessensleistung
Ein Begriff aus dem Verwaltungsrecht, der besagt, dass kein Rechtsanspruch auf eine Leistung wie den Gründungszuschuss besteht, selbst wenn alle formalen Voraussetzungen erfüllt sind. Die Behörde (hier: Agentur für Arbeit) hat einen eigenen Entscheidungsspielraum.
Fachkundige Stelle
Eine von der Agentur für Arbeit anerkannte Institution (z. B. IHK, HWK, Steuerberater), die die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Gründungsvorhabens neutral bewertet. Das Gutachten dieser Stelle ist für den Antrag auf Gründungszuschuss zwingend erforderlich.
Kapitaldienstfähigkeit
Ein bankbetrieblicher Begriff, der die Fähigkeit eines Unternehmens beschreibt, die aus einem Kredit resultierenden Zahlungen für Zins und Tilgung jederzeit leisten zu können. Sie ist das Kernkriterium bei der Vergabe von Bankdarlehen.
Rentabilitätsvorschau
Eine Planungsrechnung, die die erwarteten Umsätze und Kosten eines Unternehmens über einen bestimmten Zeitraum (meist drei Jahre) gegenüberstellt. Sie zeigt, ob und wann das Unternehmen voraussichtlich Gewinne erzielen wird.
Vermittlungsvorrang
Ein Grundsatz im Sozialrecht, wonach die Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung Vorrang vor anderen Leistungen wie dem Gründungszuschuss hat. Diesen kann ein Sachbearbeiter anwenden, wenn ein Businessplan von Beginn an hohe Gewinne ausweist und damit kein Förderbedarf erkennbar ist.

Weiterführendes

Zusammengestellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft.

Mein Klärungsbogen

Ihre offenen Punkte zu diesem Beitrag

Typische offene Fragen zu diesem Beitrag. Setzen Sie einzelne Punkte auf Ihre persönliche Aufgabenliste unter „Meins" – oder ergänzen Sie eine eigene Frage. Der Klärungsbogen ist Ihr privater Arbeitsbereich; wir greifen darauf nicht zu. Sie nutzen ihn als roten Faden beim Lesen – und nehmen ihn, wenn Sie wollen, als Agenda in ein Beratungsgespräch mit.

  • Was passiert, wenn meine Zahlen im 6. Monat nicht wie im Plan aussehen?

    Wir müssen definieren, wie eine realistische Anlaufphase aussieht und wie Sie auf Abweichungen vom Plan reagieren, ohne die Weiterförderung zu gefährden.

  • Wie kalkuliere ich meine privaten Sozialversicherungsbeiträge korrekt für den Finanzplan?

    Eine falsche Schätzung der Beiträge für Kranken- und Altersvorsorge ist ein häufiger Grund für die Ablehnung der Tragfähigkeit.

  • Konkurriert eine Nebentätigkeit mit der geforderten Hauptberuflichkeit?

    Wir müssen prüfen, ob eine bestehende Nebentätigkeit so dargestellt werden kann, dass die Agentur für Arbeit die Hauptberuflichkeit Ihrer Gründung nicht anzweifelt.

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