Die Illusion der Sprache: Wie Framings und Euphemismen das Controlling im Mittelstand untergraben
Sprachliche Beschönigung und Framing verzerren die Realität im Controlling – von der Politik bis ins Unternehmen. Unternehmer müssen diese Ablenkungsmanöver durchschauen, um Fehlentscheidungen zu vermeiden und das Geschäft zukunftssicher zu steuern.
Peter Saubert
Namensgeber & Senior · Unternehmensberater, Dipl.-Ing. (Maschinenbau), Technischer Betriebswirt (IHK), Zertifizierter Gründungsberater (IHK)
26. September 2026

Vom staatlichen Verschiebebahnhof zur betrieblichen Nebelkerze: Warum Unternehmer rhetorische Ablenkungsmanöver auf allen Ebenen durchschauen müssen, um ihr Unternehmen zukunftssicher zu steuern.
Controlling im mittelständischen Unternehmen wird häufig primär als ein System aus Kennzahlen, Soll-Ist-Vergleichen und Liquiditätsplanungen verstanden. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Der eigentliche Zweck eines funktionierenden Controllings ist es, die ungeschminkte Realität sichtbar zu machen – ganz nach dem altbewährten Grundsatz: Wissen, was ist. Es geht immer darum, das eigene Geschäftsmodell zu verstehen. (Lesen Sie dazu gerne auch unseren Beitrag Der Controlling-Prozess: Warum Planen nichts mit Hellsehen zu tun hat im Hub 1x1 des Controllings)
Wo Entscheidungen auf der Grundlage verzerrender Narrative getroffen werden, kalkulieren Unternehmer auf Treibsand. Das Phänomen des Framings und der euphemistischen Sprachkosmetik ist dabei keineswegs auf die große politische Bühne beschränkt. Es zieht sich von makroökonomischen Debatten bis hinein in die interne Kommunikation von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Wer als Inhaber oder Geschäftsführer diese Sprachmuster nicht sicher entlarvt, verliert die Herrschaft über die tatsächlichen betrieblichen Sachverhalte.
Teil 1: Das Makro-Framing – Wie die Politik von strukturellen Mängeln ablenkt
Um zu verstehen, wie Framing funktioniert, lohnt ein Blick auf die makroökonomische Ebene. Aktuell beobachten wir in der Bundespolitik ein paradebeispielhaftes Rhetorikmuster: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kommuniziert wiederholt die Botschaft, die öffentlichen Kassen seien leer.
Betrachtet man jedoch die harten Fakten, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Die Steuereinnahmen des Bundes markieren ein historisches Allzeithoch. Von tatsächlich „leeren Kassen“ kann rein rechnerisch aus Sicht eines soliden Controllings keine Rede sein. Es handelt sich hierbei um ein klassisches Framing. Das Narrativ der „leeren Kassen“ verfolgt einen klaren Zweck: Es soll von der eklatanten Fehlpriorisierung der Staatsausgaben und der mangelnden Reformfähigkeit öffentlicher Strukturen ablenken. Gleichzeitig schafft es die psychologische Grundlage, um der produktiven Wirtschaft – und damit vor allem dem Mittelstand – über steigende Abgaben zusätzliches Kapital zu entziehen, das anschließend zur Aufrechterhaltung ineffizienter Systeme genutzt wird.
Der staatliche Verschiebebahnhof
Anstatt Reformen an der Wurzel anzupacken, bedient sich die Politik seit Jahren rhetorischer und bilanzieller Verschiebetechniken. Die Mängel der Kernhaushalte werden durch gezieltes Abwälzen auf andere Ebenen kaschiert:
- Sozialkassen als Haushaltsretter: versicherungsfremde Leistungen werden zunehmend über Beitragsmittel der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung finanziert. Der Bundeshaushalt wird optisch entlastet, während die Lohnnebenkosten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer schleichend steigen.
- Lastenabwälzung auf die Länder: Ein anschauliches Beispiel ist die Diskussion um die beamtenrechtliche Versorgungsfinanzierung und Pensionen. Der Bund versucht regelmäßig, finanzielle Pflichten und langfristige Verpflichtungen in den Bereich der Bundesländer abzudrücken.
- Belastung der Kommunen: Bei der Finanzierung der Kinderbetreuung oder bei den ausufernden Kosten der Sozialhilfe und des Bürgergeldes werden Aufgaben und Kosten nach unten durchgereicht.
All diese Vorgänge werden von Begriffen wie „soziale Flankierung“, „Paketlösungen“ oder „Partnerschaft auf Augenhöhe“ begleitet. Für Sie als Unternehmer bedeutet dies: Wenn Sie sich auf das politische Framing verlassen, werden Sie von der tatsächlichen Kostenentwicklung bei Lohnnebenkosten, Steuern und bürokratischen Auflagen eiskalt erwischt.
Teil 2: Das Mikro-Framing – Die interne Politik im mittelständischen Betrieb
Wer glaubt, solche Ablenkungsmanöver existierten nur in Parteizentralen und Ministerien, unterliegt einem Irrtum. In reduzierter Form findet genau dasselbe Spiel täglich auf der „politischen Ebene“ des Mittelstands statt: zwischen Abteilungsleitern, Projektverantwortlichen, Mitarbeitern und der Geschäftsführung.
Sobald im Betrieb Fehlschläge, ineffiziente Prozesse oder verfehlte Ziele drohen, greift der menschliche Schutzreflex zur sprachlichen Unschärfe. Euphemismen im Berichtswesen dienen schlicht dazu, persönliche Verantwortung zu verschleiern, Budgets zu sichern oder Fehlentscheidungen als strategische Notwendigkeiten umzudeuten. (Ein Euphemismus, Mehrzahl Euphemismen ist eine Beschönigung.)
Typische Euphemismen im KMU und ihre ungeschminkte Übersetzung
Ein Controlling, das seinen Namen verdient, darf solche Begriffe in Statusberichten und Monatsanalysen nicht unhinterfragt durchwinken. Hier ist eine Gegenüberstellung gängiger Euphemismen und ihrer ökonomischen Realität:
| Rhetorischer Euphemismus im Bericht | Ungeschminkte Klartext-Analyse im Controlling |
|---|---|
| „Das Projekt befindet sich in einer intensiven Konsolidierungsphase.“ | Das Projekt liegt weit hinter dem Zeitplan, verbraucht übermäßig Ressourcen und hat derzeit keine klare Führung. |
| „Wir tätigen aktuell gezielte Marktinvestitionen zur Neukundengewinnung.“ | Die Vertriebskosten sind unkontrolliert explodiert, während die Conversion-Rate und der Ertrag pro Kunde unrentabel sind. |
| „Wir beobachten unerwartete Anlaufschwierigkeiten im neuen Prozess.“ | Die Arbeitsvorbereitung war mangelhaft, die Mitarbeiter wurden nicht geschult, und es entstehen teure Nacharbeiten. |
| „Hier handelte es sich um einen einmaligen Sondereffekt.“ | Wiederkehrende operative Mängel werden isoliert dargestellt, um strukturelle Verluste aus der Kernrechnung zu fälschen. |
| „Aufgrund akuter Kapazitätsengpässe verzögert sich die Auslieferung.“ | Es mangelt an klarer Priorisierung im Tagesgeschäft; unproduktive Aufgaben binden wertvolle Arbeitszeit. |
| „Wir befinden uns in einem lernenden Transformationsprozess.“ | Es fehlen verbindliche Vorgaben und Standards. Fehler werden wiederholt, ohne dass Konsequenzen gezogen werden. |
Wenn Sie als Unternehmer diese Floskeln als „normalen Sprachgebrauch“ akzeptieren, schleifen sich im Unternehmen Ineffizienzen ein. Sie treffen Investitionsentscheidungen auf der Basis von Narrativen statt auf der Basis von Ertragskraft.
Teil 3: So machen Sie das Controlling im KMU framing-resistent
Wie lässt sich das Controlling so aufstellen, dass Sprachkosmetik keine Chance hat? Es bedarf einer Kultur der schonungslosen Transparenz und klar definierten Methoden.
1. Das Verbot rhetorischer Schutzschilde
Verlangen Sie in allen internen Berichten, Protokollen und Präsentationen eine strikte Trennung zwischen Sachverhalten (Fakten) und Interpretationen (Meinungen).
- Falsch: „Aufgrund von Anlaufschwierigkeiten stiegen die Kosten leicht an.“
- Richtig: „Die Ausschussquote stieg im Monat X um 14 %, was Mehrkosten von 42.000 € verursachte. Ursache war die fehlerhafte Kalibrierung der Maschine Y durch nicht geschultes Personal.“
2. Die radikale Anwendung der „5-Why-Methode“
Hinterfragen Sie euphemistische Begriffe systematisch. Wenn in einer Management-Runde das Wort „Sondereffekt“ fällt, bohren Sie nach:
- Warum war es ein Sondereffekt?
- Warum wurde dieser Effekt nicht im Vorfeld kalkuliert?
- Tritt dieser Effekt zum ersten Mal auf oder gab es Vorläufer?
- Wer trug die operative Verantwortung für die Überwachung?
- Welche prozessuale Änderung verhindert das erneute Auftreten?
Die Anwendung der Methode "5 Why" können Sie im Beitrag Das Finanzierungsproblem der Bundesrepublik Deutschland – „5 Whys“ nachlesen.
3. Führen nach Kennzahlen, nicht nach Befindlichkeiten
Messen Sie Leistung an harten, unbestechlichen Indikatoren: Deckungsbeiträge pro Projekt, Durchlaufzeiten, Reklamationsquoten, effektive Maschinenauslastung und Cashflow. Narrative können schlichtweg nicht begründen, warum der Deckungsbeitrag III negativ ist.
Teil 4: Der positive Dreh – Absolute Klarheit als unschlagbarer Wettbewerbsvorteil
Die Erkenntnis, dass sowohl die Politik als auch die eigene Organisation von Framings durchsetzt sind, muss nicht zu Resignation führen. Im Gegenteil: Sie bietet Ihnen als Unternehmer einen gewaltigen strategischen Vorsprung.
Während Mitbewerber auf angekündigte staatliche Entlastungen hoffen, politische Phrasen glauben oder interne Effizienzverluste als „marktbedingt“ schönreden, schaffen Sie in Ihrem Unternehmen absolute Klarheit.
Ihre Vorteile einer kompromisslosen Transparenzkultur:
- Exzellente Allokation von Kapital: Sie investieren nur in Projekte, deren Zahlen einer kritischen Prüfung standhalten, und beenden unrentable Initiativen konsequent.
- Erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit: Wenn Probleme ungeschminkt beim Namen genannt werden, können Sie Gegenmaßnahmen ergreifen, bevor aus kleinen Abweichungen existenzielle Krisen werden.
- Echte Mitarbeiterverantwortung: Eine Kultur ohne Euphemismen nimmt Ausflüchte den Wind aus den Segeln. Leistungsträger fühlen sich wertgeschätzt, weil reale Leistung sichtbar wird, während Versteckspielerei keinen Platz mehr hat. Das führt dann zur Abwanderung der Leistungsverweigerer.
- Finanzielle Unabhängigkeit: Wer den staatlichen Verschiebebahnhof durchschaut, richtet seine Preiskalkulation und Liquiditätsreserven frühzeitig auf die reale Abgabenlast aus. Sie machen sich unabhängig von den Versprechungen der Politik.
Passende Podcast-Folgen
Zum Hören passend zu diesem Beitrag
Aus unseren Podcasts – ausgewählt nach dem Themen-Hub dieses Beitrags. Direkt im Browser anhören oder auf Spotify bzw. Apple Podcasts weiterhören.



Weiterführend
FAQ
Häufige Fragen
Glossar
- Controlling
- Bezeichnet den Unternehmensbereich, der die Planung, Steuerung und Kontrolle aller Unternehmensprozesse sicherstellt. Es liefert der Geschäftsführung die notwendigen Daten und Analysen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.
- Framing
- Eine Kommunikationstechnik, bei der Fakten durch das Setzen eines bestimmten Deutungsrahmens in eine gewünschte Richtung gelenkt werden. Durch das Framing wird die Wahrnehmung des Empfängers beeinflusst, ohne die Fakten selbst zu verändern.
- Euphemismus
- Ein sprachlicher Ausdruck, der einen unangenehmen, anstößigen oder negativen Sachverhalt beschönigend oder mildernd umschreibt. Im Controlling dienen Euphemismen oft dazu, schlechte Ergebnisse oder Fehler zu verschleiern.
- Soll-Ist-Vergleich
- Ein zentrales Instrument des Controllings, bei dem die geplanten Werte (Soll) den tatsächlich erreichten Werten (Ist) gegenübergestellt werden. Die Analyse der Abweichungen ist die Grundlage für Steuerungsmaßnahmen.
- Deckungsbeitrag
- Eine Kennzahl, die angibt, wie viel ein Produkt oder eine Dienstleistung zur Deckung der Fixkosten des Unternehmens beiträgt. Er errechnet sich aus den Erlösen abzüglich der variablen Kosten.
- Liquiditätsplanung
- Ein Instrument zur Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens. Sie erfasst und plant alle zukünftigen Einzahlungen und Auszahlungen, um finanzielle Engpässe frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
- 5-Why-Methode
- Eine systematische Fragetechnik zur Ursachenanalyse, bei der durch wiederholtes Fragen nach dem 'Warum' die eigentliche Wurzel eines Problems aufgedeckt wird. Ziel ist es, nicht nur Symptome, sondern die grundlegende Ursache zu beheben.
Weiterführendes
Magazin
Zahlen lügen nicht, aber sie täuschen: Was Unternehmer aus der Rentendebatte über Kennzahlenanalyse lernen könnenDer Originalbeitrag zeigt, wie der Staat durch Framing von Problemen ablenkt. Dieser Beitrag analysiert die konkreten rhetorischen Tricks in der Rentendebatte und schult den kritischen Blick auf Kennzahlen.
Magazin
Das Metaphern-Problem: Warum das Verteilen von Kuchen eine gefährliche Strategie-Falle istFraming findet oft über Metaphern statt. Dieser Artikel vertieft das am Beispiel der 'Kuchen-Metapher' und zeigt, wie solche Denkfehler zu strategischen Fehlentscheidungen im Unternehmen führen.
Magazin
Die Kunst des institutionalisierten Widerspruchs: Warum erfolgreiche Systeme den Mahner brauchenDer Originaltext fordert eine Kultur der schonungslosen Transparenz. Dieser Beitrag liefert ein konkretes Werkzeug dafür: die Etablierung eines institutionalisierten Widerspruchs als Korrektiv gegen Betriebsblindheit und Euphemismen.
Magazin
Schluss mit dem „Ich habe von nichts gewusst!“: Wie Sie in Unternehmen echte Verbindlichkeit einfordernDer Artikel beklagt die Verschleierung von Verantwortung durch Sprache. Dieser Beitrag liefert die passenden Gegenmaßnahmen und zeigt, wie Sie im Unternehmen eine Kultur der Verbindlichkeit durchsetzen.
Zusammengestellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft.
Mein Klärungsbogen
Ihre offenen Punkte zu diesem Beitrag
Typische offene Fragen zu diesem Beitrag. Setzen Sie einzelne Punkte auf Ihre persönliche Aufgabenliste unter „Meins" – oder ergänzen Sie eine eigene Frage. Der Klärungsbogen ist Ihr privater Arbeitsbereich; wir greifen darauf nicht zu. Sie nutzen ihn als roten Faden beim Lesen – und nehmen ihn, wenn Sie wollen, als Agenda in ein Beratungsgespräch mit.
Bin ich bei meiner Kosten- und Liquiditätsplanung von den Ankündigungen der Politik abhängig?
Ich muss meine Finanzplanung auf Basis der realen Abgabenlast und nicht auf Basis politischer Versprechen aufbauen, um finanzielle Puffer realistisch zu kalkulieren.
Habe ich eine klare Richtlinie, wie in Berichten zwischen Fakten und Meinungen getrennt werden muss?
Nur durch eine strikte Trennung kann ich verhindern, dass Interpretationen als Tatsachen dargestellt werden und so die Grundlage für Fehlentscheidungen bilden.
Welche wiederkehrenden 'Sondereffekte' gab es in den letzten 12 Monaten in meinem Unternehmen?
Ich muss prüfen, ob es sich dabei wirklich um einmalige Ereignisse handelt oder ob hier strukturelle Probleme durch eine falsche Bezeichnung kaschiert werden.
Feedback
War dieser Beitrag hilfreich?
Kontakt
Interesse? Schreiben Sie uns.
Hat dieser Beitrag eine Frage aufgeworfen, die Sie konkret im eigenen Unternehmen klären möchten? Wir nehmen sie auf – sachlich, vertraulich, ohne Verkaufsdruck.
