Controlling als ständige Hypothesenprüfung: Was Unternehmen von der Wissenschaft lernen und warum Ihr Controlling ein Erkenntnisprozess ist.
Haben Sie das Gefühl, Ihr Controlling liefert nur Zahlen, aber keine echten Erkenntnisse? Entdecken Sie, warum Controlling im Kern ein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess ist! Erfahren Sie, wie Sie das Prinzip der ständigen Hypothesenprüfung aus der Wissenschaft (Karl Popper, Empirie) in Ihrem Unternehmen anwenden, um bessere Entscheidungen zu treffen und Ihr Geschäftsmodell nachhaltig zu verstehen. Lesen Sie jetzt, wie Sie aus bloßen Kennzahlen einen dynamischen Weg zur Wahrheit machen und Ihr Risiko minimieren.
Willi Saubert
02. Dezember 2025 · 12 Min Lesezeit

Controlling als ständige Hypothesenprüfung: Was Unternehmen von der Wissenschaft lernen und warum Ihr Controlling ein Erkenntnisprozess ist
Wir beschäftigen uns intensiv mit einer neuen Reihe „Das 1×1 des Controllings". Dabei versuchen wir, Kompliziertes einfach und für Unternehmer direkt nutzbares Wissen herunterzubrechen. Dieser Artikel erklärt die Logik hinter dem Controlling auf der übergeordneten Meta-Ebene. Er verwendet philosophische Gedanken und leitet daraus praktische Notwendigkeiten ab: Wie kann ich richtiges Controlling betreiben und wie funktioniert dieses Prinzip in der Wissenschaft?
Controller sind überall
Wie stellen Sie sich einen Controller vor – Zahlen-Nerd in Anzug und Krawatte? Controller gibt es aber überall. Ein Kapitän steuert und regelt, ob das Schiff vom Kurs abgekommen ist oder auf Kurs bleibt. Vor der Erfindung des Kompasses fuhren Schiffe nur nah am Land und korrigierten nachts ihre Richtung an den Sternen. Mit der Erfindung des Kompasses konnten Kapitäne andauernd ihre Richtung überprüfen und auch über das freie Meer fahren. Ein Kapitän ist – wie ein Autofahrer oder ein Unternehmer – ein Controller.

Je besser Ihr Controlling und Ihre Anpassungsfähigkeit sind, desto eher können Sie Risiken eingehen. So ist es keine gute Idee, einen Kredit aufzunehmen, um am Roulette-Tisch alles auf Rot zu setzen. Im Zweifel können Sie Ihre Entscheidung nämlich nicht korrigieren – sie ist irreparabel. Das Geld ist wahrscheinlich weg. Für ein Unternehmen kann das Aufnehmen eines Kredits dagegen eine sehr sinnvolle Entscheidung sein.
Wissenschaft als Vorbild: Hypothese und Falsifikation
Auch in der Wissenschaft gibt es Controlling. Wissenschaft ist das Aufstellen von Hypothesen, die falsifiziert werden (Karl Popper). Das Aufstellen einer Hypothese ist die Modellierung. Falsifizieren bedeutet: Die Modellierung wird gegen die Praxis auf Fehler getestet. Wenn Sie eine These in der Wissenschaft aufstellen, dann prüfen Sie diese in der nächsten Instanz mit Empirie. Empirie beschreibt das Erfahrungswissen aus Experimenten oder Beobachtungen. Es wird geprüft: Gibt es Soll-Ist-Abweichungen zwischen der Vorhersage des Modells und der tatsächlichen Beobachtung?
Diesen Prozess nennt man Deduktion. Der Wissenschaftler schließt vom Allgemeinen auf das Spezielle und testet dann seine Annahmen. Sollten sich die Thesen durch die Empirie widerlegen, versucht der Wissenschaftler eine neue These. Die neue These wird in der Regel durch die bestehende Empirie gebildet. Diesen Schluss vom Speziellen auf das Allgemeine nennt man Induktion. Es ist die idealtypische Wissenschaft, wie sie Karl Popper formuliert hat.
Noch einmal einfach formuliert: Der wissenschaftliche Prozess funktioniert wie das Steuern eines Unternehmens oder eines Autos. Es gibt eine Planung. Dann wird geprüft, ob die Planung gestimmt hat, und das Modell wird so angepasst, dass in Zukunft die Soll-Ist-Abweichung möglichst klein wird.
Vielleicht kennen Sie das Deduzieren von Sherlock Holmes, der aus seinen Beobachtungen Thesen formuliert, um als Detektiv Kriminalfälle zu lösen.
Dieser Prozess des Wissensgewinns ist eine Endlosschleife, die erst endet, wenn keine Empirie mehr gefunden wird, die die Theorie widerlegt. Da sich die Welt aber ständig ändert, wird es immer wieder Wissensgewinn geben können.
Der Managementkreislauf folgt demselben Muster
Auch der Managementprozess in Ihrem Unternehmen ist im Idealfall eine Endlosschleife. Auch wenn es unterschiedliche Ausführungen des Managementkreislaufs gibt, besteht er in der Regel aus den folgenden Bausteinen: Analyse, Planung, Implementierung und Controlling. Betrachtet man die einzelnen Phasen genauer, dann sieht man die Muster der Wissenschaft. Es werden andauernd Hypothesen formuliert, die mithilfe der Empirie überprüft werden.
Dieses ständige Aufstellen von überprüfbaren Hypothesen und deren Überprüfung brauchen Sie immer in der Planung bei Unsicherheit. Es stellt das Vorgehen in der Suche nach der Wahrheit dar. Die Wahrheit im Controlling ist das richtige Verständnis Ihres Geschäftsmodells und des Marktes.
Die Frage nach der Wahrheit: Descartes und der Rationalismus
Die Frage nach der absoluten Wahrheit beschäftigte die Philosophie schon seit ihren Anfängen. So stellte Descartes fest, dass man seinen Sinnen nicht vertrauen kann. Und tatsächlich hat sich jeder schon einmal geirrt. Es ist keine Seltenheit, dass Unternehmen scheitern, obwohl die Zahlen scheinbar gut aussahen. Die Empirie ist also unvollständig. Sie können niemals alles über den Markt und Ihr Unternehmen wissen. Wenn Sie glauben, Sie wüssten alles, sind Sie wahrscheinlich akut insolvenzgefährdet.
Descartes geht auf der Suche nach der absoluten Wahrheit weiter: „Das einzige, woran ich nicht zweifeln kann, ist der Zweifel selber." Daraus entsteht das berühmte Zitat:
Ich denke, also bin ich. (Cogito, ergo sum)
Die Idee, dass die Vernunft der einzige Ursprung der wahren Erkenntnis ist, nennt man Rationalismus. Dieser Rationalismus kommt deduktiv zur Erkenntnis – er schließt vom Allgemeinen ins Spezielle. Ein Beispiel dafür liefert Aristoteles: „Alle Menschen sind sterblich. Ich bin Mensch, also bin ich sterblich."
Im Geschäftskontext stellt folgender Gedankenstrang ein Beispiel dar: Wenn der Kunde Vertrauen in das Unternehmen besitzt, dass das Produkt seinen Anforderungen gerecht wird, dann kauft er das Produkt. Das Unternehmen sollte das Vertrauen vom Kunden gewinnen.
Empirismus und der Schwarze Schwan
Das Gegenstück zum Rationalismus ist der Empirismus. Der Empirismus besagt, dass wahre Erkenntnis nur durch Empirie und mit den Sinnesorganen geschaffen werden kann. Im Controlling sagen wir: Erkenntnis kann nur durch Messung entstehen. Der Empirismus schließt vom Speziellen ins Allgemeine (induktiver Schluss). Ein Beispiel dafür ist der Umsatz. Der Umsatz kann gestiegen sein. Deswegen geht es mit dem Unternehmen gerade gut voran. Ein weiteres Beispiel stellen Schwäne dar: „Ich habe in meinem Leben nur weiße Schwäne gesehen. Das heißt, es gibt nur weiße Schwäne."
Dieses Beispiel zeigt gut die Lücken des Empirismus auf. Auch wenn Sie nur weiße Schwäne gesehen haben, gibt es dennoch schwarze Schwäne. Der Empirismus verpflichtet also zum ständigen Suchen des Schwarzen Schwans im positiven wie im negativen Sinne.
Kants kopernikanische Wende
Kant liefert einen Ansatz, der die beiden Positionen – den Rationalismus und den Empirismus – miteinander vereint. Kant bezeichnet seinen Ansatz selbst als die kopernikanische Wende der Philosophie.
Kopernikus zeichnete die Abkehr vom geozentrischen Weltbild und entdeckte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt (Kopernikanische Wende).
Der kommende Abschnitt ist etwas komplizierter. Wichtig ist: Egal welche Form des Controllings Sie betreiben – Sie müssen diese immer hinterfragen und dürfen sie nicht absolut setzen. Wir sind durch unsere Mittel beschränkt. Die Mittel sind unsere Sinnesorgane, Zahlen beziehungsweise unsere Wahrnehmung. Die Geschäftswelt, wie sie durch Ihr Controlling erfasst wird, stellt nur einen Ausschnitt der Realität dar.
So sieht Kant die Erkenntnis als Folge der Symbiose von Empirie und Verstand. Diese neue Philosophie heißt Transzendentalphilosophie. Dabei geht es bei Kant nicht mehr um die absolute Wahrheit. Nicht die Erkenntnis richtet sich nach den Dingen, sondern die Dinge richten sich nach der Erkenntnis. Die Welt, wie sie ist, können wir gar nicht wahrnehmen. Wir haben gewisse Filter, die jede Erkenntnis oder Erfahrung durchläuft. Der Filter sind Strukturen unseres Geistes und unserer Sinnesorgane. Wir sehen die Welt also nur durch einen Filter und eine gewisse Perspektive. „Der Mensch ist der Maßstab aller Dinge", sagte dazu schon Protagoras. Da aber unser Filter der gleiche bleibt, können wir zur Erkenntnis kommen. Daraus schließt Kant, dass wir nur durch die Summe von Verstand und Empirie Erkenntnisse über die Welt gewinnen, wie sie sich uns darstellt.
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück – hin zum Managementkreislauf. Kant unterscheidet zwei Urteile: Urteil a posteriori (Urteile aus Erfahrung) und Urteile a priori (Urteile vor der Erfahrung). In der Unternehmenswelt gibt es viele Urteile ohne Erfahrung. Das ist ja das Prinzip von Management: Entscheidungen in Unsicherheit und auf der Basis von fehlenden Informationen. Wichtig ist dabei der ständige Prozess des Controllings, um die Entscheidungsqualität zu prüfen.
Vom Prinzip zur Praxis: Qualitative und quantitative Methoden
Doch wie setzt man jetzt das Controlling praktisch um? Halten Sie sich an den Kreislauf aus qualitativer und quantitativer Analyse, Planung, Implementierung und Controlling. Der Controlling-Teil stellt die Empirie für Ihre Hypothesen dar – die Überprüfung Ihrer Planung und Ihres Geschäftsmodells. In der Wissenschaft unterscheidet man zwei Arten der Empirie: qualitative und quantitative Methoden.
Umgangssprachlich nennt man qualitative Analyse auch gesunden Menschenverstand, während quantitative Analysen Messungen genannt werden. Allerdings versuchen wir im Controlling auch qualitative Methoden in Messungen zu überführen. Wir befragen Kunden zum Beispiel nach dem Kundenerlebnis und versuchen dies mit einer Skala von einem bis fünf Sternen zu messen.
Quantitative Methoden sind numerische Daten. Das sind Ihre KPIs (Key Performance Indicators), also Ihre Schlüsselkennzahlen. Das können Umsatz, durchschnittlicher Kundenumsatz und vieles Weitere sein. Wichtig ist, sich auf wenige KPIs zu fokussieren, die Ihr Geschäftsmodell wirklich abbilden. Sie bilden damit nur ein unvollständiges Abbild der Realität Ihres Unternehmens ab. Man kann aber nicht auf zu viele Größen gleichzeitig optimieren. Es ist bei der Planung sinnvoll, dass Ziele definiert werden, die in Teilziele unterteilt werden.
Wenn Sie Ihren Gewinn steigern wollen, dann können Sie Ihren Umsatz optimieren, aber auch Ihre Kosten. Behalten Sie also beide Größen beim Controlling im Blick.
Wenn Sie die Kundenbindung optimieren wollen, dann ist eines Ihrer Teilziele, die Kundenzufriedenheit zu steigern. Eine KPI, die einen Indikator für die Kundenzufriedenheit darstellt, ist die Retourenquote. Aber wenn der Kunde das Produkt nicht retourniert, weil es zu aufwendig ist, dann meinen Sie eben nur, einen zufriedenen Kunden zu haben.
Um solche Fehlschlüsse zu vermeiden, gibt es qualitative Methoden in der Wissenschaft. Viele Unternehmen denken beim Controlling gar nicht an eine Befragung der Kunden. Qualitative Empirie ist die systematische Erhebung und Interpretation nicht-numerischer Daten, um Meinungen, Motive und Einstellungen zu verstehen und neue Hypothesen zu entwickeln. Nach unserer Erfahrung ist ein Gespräch des Unternehmers mit Kunden oft viel produktiver als viele Planungen im stillen Kämmerlein.
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Weiterführend
FAQ
Häufige Fragen
Glossar
- Hypothese
- Eine Hypothese ist eine Annahme oder eine testbare Vorhersage über einen Sachverhalt. Im unternehmerischen Kontext sind das Annahmen über das Geschäftsmodell, den Markt oder das Kundenverhalten, die durch Controlling überprüft werden.
- Falsifikation
- Falsifikation ist der von Karl Popper geprägte Begriff für die Widerlegung einer wissenschaftlichen Aussage oder Hypothese durch ein Gegenbeispiel. Eine Hypothese gilt nur so lange, bis sie widerlegt (falsifiziert) ist.
- Empirie
- Empirie bezeichnet die Erkenntnis, die aus Erfahrung, Beobachtung und Messung gewonnen wird. Im Controlling sind das die realen Daten und Fakten (Ist-Werte), an denen die ursprünglichen Annahmen (Soll-Werte) gemessen werden.
- Deduktion
- Deduktion ist ein logisches Schlussverfahren, bei dem vom Allgemeinen auf das Besondere geschlossen wird. Ein Unternehmer wendet Deduktion an, wenn er aus einer allgemeinen Marktregel eine spezifische Handlung für sein Unternehmen ableitet.
- Induktion
- Induktion ist ein logisches Schlussverfahren, das vom Besonderen auf das Allgemeine schließt. Aus einzelnen Beobachtungen (z. B. wiederholte Kundenbeschwerden) wird eine allgemeine Regel oder eine neue Hypothese für die Planung abgeleitet.
- Managementkreislauf
- Der Managementkreislauf beschreibt die sich ständig wiederholenden Phasen der Unternehmensführung. Er besteht typischerweise aus Analyse, Planung, Entscheidung, Umsetzung und Kontrolle (Controlling).
- KPI (Key Performance Indicator)
- KPIs sind Schlüsselkennzahlen, die den Fortschritt oder den Erfüllungsgrad hinsichtlich wichtiger Zielsetzungen innerhalb eines Unternehmens messen. Sie sind ein zentrales Werkzeug im quantitativen Controlling.
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Diese Frage hilft uns, Ihre persönliche Entscheidungsfindung zu verstehen und passende Controlling-Instrumente für Sie auszuwählen.
Wie baue ich ein System auf, um qualitatives Kundenfeedback systematisch zu erfassen und zu nutzen?
Wir müssen einen Prozess definieren, der wertvolle Kundeneinblicke von bloßem Rauschen trennt und für die Steuerung nutzbar macht.
Wie kann ich mein Controlling nutzen, um 'schwarze Schwäne' (unerwartete Krisen) frühzeitig zu erkennen?
Gemeinsam können wir Frühwarnindikatoren definieren, die auf bislang unbeachtete Risiken und Chancen in Ihrem Marktumfeld hindeuten.
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